Upcycling Stories #9 – Rumpelstilzchen (Himmel, Arsch & Zwirn!)

Diese Upcycling Sache macht mir ja echt Spaß! Davon abgesehen, dass es für die Welt besser ist, die Textilberge nicht weiter anwachsen, sondern schrumpfen zu lassen, sind diese Projekte für mich persönlich auch besonders interessant. Es befeuert meine Kreativität, wenn ich aus altem Material etwas neues und ganz anderes entstehen lassen kann. Und die fertigen Teile sind immer mehr als bloß Klamotten, denn sie haben eine individuelle Geschichte.

Als mich im Mai die Anfrage vom Petersilien-Blog erreichte, ob ich bei einer Dirndl-Refashion Challenge mitmachen möchte, hab ich trotzdem gezögert. DIRNDL?! Bayrisches Trachtenzeug – für mich (hessische Wahlberlinerin), die die Oktoberfeste im ganzen Bundesgebiet scheut wie der Teufel das Weihwasser. Was soll ich denn damit?
Es hieß, man dürfe Wünsche äußern (Farben, Muster) und daraus komplett frei nähen, wozu man Lust hat. Ich hab mich dann doch ein bißchen neugierig auf der Website vom Partner der Challenge, dem Münchner Vintage-Dirndl Laden CoBRANDa, umgeschaut und nachdem ich dort einige Kleider mit wunderschönen Stickereien im Online-Shop gesehen hatte, die Challenge mutig akzeptiert.

Mein kreatives Hirn hatte gleich das Kopfkino angeworfen und in meiner Vorstellung würde ich ein toll besticktes Dirndl vor der Tonne retten und zu einer absoluten Hingucker-Jacke umnähen. Hier mein Moodboard, mit dem ich mich bei CoBRANDa zurückgemeldet hatte.

Bildquellen: Instagram

Auf Instagram hatte sich dann sogleich eine Dirndl Challenge Bloggergruppe versammelt, wo der Werdegang der Projekte schonmal intern besprochen wurde. Die ersten coolen Projekte waren schon fertig, da war mein Dirndl Material noch nicht mal in Berlin angekommen… und ich war so gespannt auf mein Paket!

Und jetzt weiß ich auch, warum Vorfreude die schönste Freude ist. Nämlich deshalb:

Wottsefack?!?

Ich wusste ja, dass es sich um aussortierte Dirndl handelt, die sich nicht mehr für den Wiederverkauf eignen. Wegen z.B. kaputten Nähten, Löchern, Flecken, etc… Aber ganz ehrlich – diese Teile hier wurden ganz sicher aussortiert wegen überbordender und unübersehbarer Häßlichkeit. Kurz dachte ich „ach, das ist nur nicht mein Geschmack, jemand anderes findet die vielleicht suuuuper“ – aber eine Anfrage in der Dirndl-Gruppe, ob jemand Tauschangebote machen möchte, bewies meine Theorie: Diese Kleider möchte absolut niemand.

Es gibt so so viele Sachen, die zum Wegwerfen zu schade sind – was aber hier zu sehen ist, gehört da nicht dazu. Ich war tatsächlich im ersten Impuls versucht, den Kram umgehend zurückzuschicken oder eben doch der Altkleidertonne zuzuführen, denn dass ich meine wertvolle Zeit mit diesem textilen Alptraum verbringen sollte, schien mir zu viel des Guten. Ich kam mir vor wie die Prinzessin im Märchen Rumpelstilzchen, die dazu verdammt wurde, Stroh zu Gold zu spinnen. Während einige in der Gruppe Kleider aus hochwertigem Leinen erhalten hatten, konnte ich erschwerend auch der Stoffqualität dieser bunten Fetzen leider nichts abgewinnen.

Aufmunternde Worte aus der Gruppe: „Lass mal ein paar Tage liegen und sacken, dann kommen vielleicht noch Ideen“ und es gab viel Verständnis für meine Frustration. Das half und ich betrachtete das Projekt als extra Herausforderung für meine Kreativität. Tschakka. Erstmal war klar, diese Farben gehen gar nicht. Wenn überhaupt, dann muss ich überfärben. Das gelbe Kleid hat dazu noch ein schlimmes aufgedrucktes Muster in grün und rot (wer macht sowas und warum?), das war erstmal völlig raus.

Die anderen beiden Kleider hab ich an der Taillenlinie aufgetrennt und die Röcke zusammen mit einer Packung „Simplicol samtschwarz“ in die Waschmaschine geworfen. Schlimmer als vorher konnten sie ja nicht wieder rauskommen… Dachte ich. Wie schon vermutet, bestand das Material nicht aus reiner Naturfaser, denn das tomatenrote Teil wurde nur aubergine und nicht schwarz. Überrascht war ich, dass beim blauen Kleid die weiße Stickerei mitgefärbt wurde – ich war von Polyesterfaden für den Stick ausgegangen, der weiß oder hellgrau geblieben wäre – aber es war wohl Viskose… Der Farbton ist ein undefinierbares nachtblauschwarz. Das gefiel mir – auch der Ton-in-Ton Stickerei Effekt! Aaaaaber: damit ich mich nicht zu doll freue, hatten sich merkwürdige Flecken im Stoff aufgetan, die dort vor dem Färben definitiv nicht waren. Ja, Kruzifix noch amoi!

Nach etwas Bedenkzeit und unter Berücksichtigung der verfügbaren Materialmenge (abzüglich Fleckengebiete) stand dann im Juni fest, was ich nähen könnte. Eine Shorts und eine Kurzjacke. (Nur hatte ich im Juli überhaupt keine Zeit zum Nähen… gut Ding braucht Weile). Bei der Shorts hab ich mich für einen schonmal genähten Schnitt entschieden, die Purl Soho City Gym Shorts. Ich wollte, dass die Stickereiborte seitlich vertikal verläuft dazu brauchte ich einen Schnitt mit einer möglichst geraden Seitennaht und ohne Bundfalten. Die Leibhöhe hatte ich bei meinem ersten Modell gekürzt, diesmal zunächst genäht wie vorgesehen. Aber das sah leider unvorteilhaft aus mit dem Gummibund in der Taille, deshalb hab ich den Bund nochmal abgetrennt und ca 3 cm tiefer wieder angenäht, so dass der Bund mit der Hüfte abschließt.

Mit dem blauen Volant-Top so Boho

Zunächst dachte ich, dass das einzige auberginenfarbene Teil, das (jemals) in meinen Kleiderschrank aufgenommen wurde, an großem Partnermangel leiden würde. Aber – probieren geht über studieren – es fanden sich doch so einige paarungsbereite Oberteile! Der urbane (Holy)cowgirl Look – inszeniert auf der Berliner Heuwiese (Tempelhofer Feld) hat doch was, oder?! Das mit den gefütterten Stiefeletten bei 30 Grad ist natürlich bescheuert. Ich hab den Kopf geschüttelt, als ich so ein Outfit letzte Woche vor mir an der Supermarktkasse stehen sah. Es sieht aber cool aus!

Wie toll die gelbe Strickjacke zu den rosa-aubergine Tönen passt!

Bei der Jacke war die Schnittwahl wesentlich schwieriger, mir schwebte eigentlich eine Art Uniformjacke mit kleinem Stehkragen vor, aber alle Schnitte in dieser Richtung hatten Prinzessnähte…. „Mona“ aus der La Maison Victor hatte ich bereits rauskopiert, aber für die Nahtzugaben, die in die Prinzessnähte fließen, war nicht genug Stoff da. Es musste ganz simpel werden, 2 Vorderteile, 1 Rückteil, 2 Ärmel. Es war zum Verzweifeln, aber ich fand partout keinen solchen ultra-simplen Schnitt!

Coco von Schnittchen kam in Frage, aber dann kam Ulrike von Moritzwerk mit ihrer ersten Dirndl Kreation und ich habs sofort gesehen: Coco! Perfekt, ihr Rosenjäckchen, das kann man ja mal neidlos sagen. Aber Nachmacher sein wollte ich auch nicht. Letzten Endes habe ich einen ebenfalls bereits genähten Schnitt, nämlich „Naomi“ aus der La Maison Victor genommen, dabei den Halsausschnitt etwas verkleinert. Eigentlich ist Naomi für Strickstoffe…. damit die Ärmel nicht zu eng werden, hab ich diese noch um ca 1,5 cm weiter zugeschnitten. Mehr ging nicht aus dem Material… ich konnte sie auch nur in 3/4 Länge zuschneiden und leider nicht bis zur Bogenkante der Stickerei, wegen der Flecken. Ich war mir sehr unsicher, ob das gut gehen würde und ich mich in der Jacke überhaupt bewegen könnte, aber inzwischen war es mir ausreichend egal – Hauptsache fertig mit dem Ding.

Genäht ist das Jäckchen eigentlich fix. Ich hatte über ein Futter nachgedacht, aber Belege fand ich letztlich ausreichend. Diese hab ich tatsächlich ringsum mit der Hand unsichtbar angenäht, denn Absteppnähte wollte ich auf keinen Fall auf der Jacke haben. Auch hier habe ich den Stoff um 90 Grad gedreht verwendet, um die Stickborte vertikal statt horizontal laufen zu lassen.

Die Julika Shorts wird auch immer noch viel und gern getragen

Mit der Passform bin ich total zufrieden – ich war so erleichtert nach der ersten Anprobe, denn alles saß wie angegossen. Eine „Hingucker-Jacke“ ist es zwar nicht geworden, aber ich mag sie trotzdem, sie ist ein Blazer Ersatz und lässt sich sowohl schick als auch lässig stylen. Die trachtige Stickerei ist so dezent wohl auch viel passender für mich, als mit weißem Kontrast.

Ich bin gespannt, ob mir die beiden Ex-Dirndl Teile nun doch noch ans Herz wachsen. Ich bin jedenfalls überrascht, wie kleidsam der Altkleidermüll schlußendlich geworden ist und freue mich über das märchenhafte Happy End. Die Euphorie aus diesem Erfolg hat mich nun ermutigt, auch dem gelben Kleid noch eine Chance zu geben… zumindest dem Oberteil. Zusammen mit den beiden anderen Oberteilen arbeite ich an einem Patchwork-Projekt, einer Tasche, nach diesem Entwurf.


Die Farbkombi fand ich irgendwie cool, so wie sie war. Nur halt nicht als Kleidung. Und wer weiß, vielleicht finde ich auch noch eine Lösung für den gelb gemusterten Rock…

Verlinkt: Upcycling Love, Creative LoversEinfach NachhaltigHandmade on TuesdayÖko-Logisch!, Du für Dich

17 Gedanken zu „Upcycling Stories #9 – Rumpelstilzchen (Himmel, Arsch & Zwirn!)“

  1. Wow, klasse was du daraus gemacht hast. Die neue Färbung steht den Stoffen gut und was du daraus genäht hast ist toll geworden – mir gefällt sogar die Hose (das kommt nicht oft vor xD).
    Die Stickerei macht sich wunderbar auf der Jacke, wobei ich auch echt was übrig habe für trachtig anmutende Kleidungsstücke 🙂

  2. Puh, kein Wunder, dass du da frustriert warst, wäre mir genau so gegangen. Es zeugt aber von Ehrgeiz und Mut, dass du dich trotzdem daran gemacht hast und zwei so schöne Teile aus dem „Müll“ gezaubert hast. Super!

  3. Was für ein toller Artikel! Ich liebe deine Upcycling-Beiträge, du hast so tolle Ideen, aus alter Kleidung was neues besonderes und echt stylisches zu erzeugen!
    Hier war die Hürde wirklich hoch, aber was rausgekommen ist, ist einfach nur toll!
    Ich würde das gelbe Rockteil wahrscheinlich auch färben. Vielleicht mit dunkelgrün oder dunkelrot?

  4. Die Jacke sieht auf meinem Bildschirm eher petrolfarben aus und gefällt mir supergut! Aber ich glaube, bei den Vorlagen hätte ich aufgegeben – Respekt, dass du es doch angegangen bist!

  5. A good read!! Die Vergleichsbilder mit Tilli und Schlumpfine und Rotkäppchen sind der Brüller! Danke dass du dir die Mühe gemacht hast, ich hab mich blendend amüsiert! tolle Teile, tolle Story, toller Blogbeitrag ✨

    1. Ich danke dir! Der Blogbeitrag brauchte ein bißchen Augenzwinkern um den Frustanteil des Projekts nicht zu doll hervorzuheben. Auch wenn sich das Ergebnis sehen lassen kann – im Nachhinein hätte ich meine Zeit schon lieber in die Sommernähprojekte gesteckt, für die ich den (tollllen!) Stoff und die Pläne schon seit letztem Jahr bereit halte. Und nun wieder nicht zu gekommen bin. Weißt ja Bescheid. 🙂

  6. Wow, das ist mal ein krasses Umstyling 😀 ich muss ja zugeben, dass mir das rote Dirndl sehr gefallen hätte (ich trage nur solche tiefen Ausschnitte nicht), aber ansonsten fand ich es toll. Macht sich aber auch als dunkle Shorts sehr gut.
    Die Jacke gefällt mir auch. Dass die Stickereien mitgefärbt werden, hätte ich auch nicht erwartet! Aber so ist das Muster eben dezenter.
    Beim gelben Dirndl würde ich ja mit Dunkelgrün überfärben und hoffen, dass das Ergebnis dann weniger quietschig wird.

    1. Ich komme mir in einem Dirndl wirklich sehr verkleidet vor, das rote fand ich schon grenzwertig kurz, es war auch schon ausgeblichen und hatte kaputte Nähte – und saß wahnsinnig eng. Das konnte so nicht bleiben 😉

  7. Wow, Hut ab, dass du dich da durchgekämpft hast! Ich musste bei dem Bild von Bibo gerade sehr lachen 😀 Also bei der Ausgangslage hätte ich vermutlich direkt hingeworfen. Respekt, dass du es durchgezogen hast. Es sind echt schöne Kleidungsstücke daraus geworden und die Bilder sehen super aus 🙂
    Viele Grüße
    Jenny

    1. Ich glaube, wenn es diese Dirndl-Gruppe auf Insta nicht gegeben hätte, ich hätte mich alleine nicht motivieren können, aus dem Zeug was zu nähen. Aber irgendwie ist es auch cool, dass man selbst aus den fürchterlichsten Teilen noch was rausholen kann!

  8. So ein fröhlicher toller motivierender Beitrag! Hast grade meinen Tag erhellt!!! Ich hätte auch sehr ratlos vor den drei Kleidern gestanden… die Jacke ist sehr cool geworden, und die Tasche sehe ich schon vor mir… LG Sarah

  9. Die Shorts haben mich wegen der dunklen Farbe und der dezenten Stickerei tatsächlich ein bisschen an Lederhosen erinnert, aber im positiven Sinne!
    Der gelbe Rock geht überall da, wo man ihn als Farbtupfer mit weniger schrillen Stoffen kombinieren kann: Im Patchwork, als Schrägband oder Paspel und als Futter. Wenn das alles nicht funktioniert, könnte man einen Einkaufsbeutel draus machen, ihn einem Kind in der quietschbunten Phase überlassen oder als Billigstoff für Probemodelle nehmen.

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