Blaue Stunde

Die blaue Stunde hat das schönste Licht zum Fotografieren. Sie findet täglich zwei mal statt, direkt vor Sonnenaufgang und direkt nach Sonnenuntergang. Die erste Möglichkeit erlebe ich Nachteule vor allem im Sommer (ist dann ungefähr die Zeit wo ich schlafen gehe Blog Posts schreibe). Und die zweite ist zur aktuellen Jahreszeit das einzige Zeitfenster, zu dem ich es schaffe, ein paar dämmerige Fotos von meinen genähten Werken zu machen. Für Landschaftsfotografie eignet sich diese Uhrzeit wirklich gut. Da hab ich selbst schon wundervolle Bilder gemacht. Aber bei den Klamotten… nunja.

Ich erzähl euch das außerdem, weil mein neues Teil im Kleiderschrank blau ist und in ungefähr einer Stunde genäht.

Ich weiß, ihr lest alle meine Artikel genau und wisst, dass ich bei der Auswahl meines nächsten Strickprojekts und auch bei meinem Patchwork Shirt vom letzten Post über eine blaue Jacke nachgedacht habe. Ihr kennt das – einmal im Kopf, braucht man das dann. Dringend! Also schneller als ich stricken kann und nur noch Nähen in Frage kommt (schnell nähen!). Wichtiges Kriterium für meine Wunschjacke – nicht zu lange Ärmel, die müssen aber weit sein, damit sie über meine Shirts mit überschnittenen Schultern und Ballon- und Volantärmel Blusen passen – also am besten auch mit überschnittenen Schultern. Eigentlich, so dachte ich, wäre eine Jacke mit der Form meiner gelben gestrickten Jacke aus dem letzten Spätsommer super. Ist eher ein Jäckchen als eine Jacke.

Ich hab also nach einem ähnlichen Schnitt gesucht. Schon länger liegt der Schnitt „Kochi“ von Papercut Patterns auf der Festplatte. Bei mir heißt der Schnitt noch Kochi Kimono, er wurde letztes Jahr nach einem krassen Shitstorm auf Instagram umbenannt in Kochi Jacket (hier ein interessanter englischsprachiger Artikel über den Vorfall). Ich hab das erstmal überhaupt nicht verstanden, warum. Weil ich die Bezeichnung Kimono Jacke auch gar nicht mit einem echten Kimono in Verbindung gebracht habe. In der Mode sind ja viele Bezeichnungen Anlehnungen an traditionelle Bekleidung aus irgendeinem Kulturkreis, mit denen sie optisch nur noch minimal verwandt sind. Eine Culotte z.B. war eine Männer-Kniebundhose im Barock. Eine Bolerojacke ist ursprünglich Teil der spanischen Torero Kleidung usw.

Schön auch mit der Herringbone Culottes vom letzten Winter

Die Problematik nennt sich „Kulturelle Aneignung“ und wird seit einiger Zeit häufiger diskutiert, aktuell wieder zum Karneval – welche Kostüme noch vertretbar sind und welche zum No-Go werden (Blackfacing, Scheich, Indianer, Burka…), zudem ob weiße Menschen Dread-Locks tragen oder rappen dürfen und sogar die Verbreitung von Yoga ist Teil dieser kritischen Betrachtung.

Ich bin mir relativ sicher, dass ich Shitstorms, Beleidigungen und Anfeindungen nicht als angemessene Reaktion auf eine solche kulturelle Aneignung betrachte, weil ihr Verursacher meistens nicht absichtlich Menschen beleidigen oder abwerten wollte. Dass sich die westliche weiße privilegierte Mehrheitsgesellschaft aber hier und da mal mit ihrer eigenen Ignoranz und Selbstgefälligkeit auseinandersetzen sollte, damit bin ich einverstanden. Spätestens als Kim Kardashian vergangenen Sommer eine Kollektion von Shapewear (figurformende Unterwäsche) „Kimono“ genannt hat (und dies aufgrund entsetzter Reaktionen aus Japan wieder geändert hat), hab ich die Problematik zu diesem speziellen Thema besser verstanden. Denn was hat Unterwäsche mit einem Kimono zu tun? Nichts. Eine Jacke mit weiten Ärmeln aber auch nicht. Nur dachten wir das halt alle, weil die Modeindustrie es uns seit Jahren so vorgekaut hat. Ich hatte es nie hinterfragt.

DAS ist tatsächlich ein Kimono, den ich als Touristin beim Besuch des Shibori Museums in Kyoto anprobieren durfte. Es braucht 1,5 Jahre (!!!) Anfertigungszeit für ein solches Teil. Japaner sind zu Recht sehr stolz auf Ihr Kulturerbe.

Nachdem ich den Kochi Schnitt gedruckt und geklebt hatte, kam mir die Jacke irgendwie zu weit/groß/kastig vor für meinen dunkelblauen Sommersweat aus dem Fundus (gekauft letztes Jahr am Maybachufer), aus dem ich sie nähen wollte. Und nach dem Durchblättern von zig Schnittmusterheften kam ich zu dem Schluss, dass ich nun einfach den Schnitt von der Strickjacke abkopiere, was ja keine große Kunst ist. 3 Schnittteile, die an Schultern und Seiten zusammengenäht werden. Plus ein Bündchen an der vorderen Kante um den Hals herum und fertig. Fast. Ich fand nach der Anprobe die Ärmel zu kurz und hab deshalb auch dort noch Bündchen ergänzt. Aber ganz ehrlich: die Suche nach dem nicht vorhandenen Schnittmuster hat länger gedauert, als die Jacke zu nähen.

Das Jäckchen komplettiert eindeutig das Outfit mit dem Patchwork Top vom letzten Post.

Wie geplant fügt sich das Teil perfekt in meine Garderobe und kann Sommer wie Winter getragen werden. Wenn ich was an meiner Jacke zu meckern habe, dann dass der Stoff für einen Sweat ziemlich knitteranfällig ist. Aber sonst bin ich sehr happy mit meinem Blitzprojekt. Mit meinen selbst gestrickten Accessoires gefällt mir der Look besonders gut, wobei ich mich hier eindeutig an der Kultur Japans bediene. Mit Respekt und Verehrung für Kunsthandwerk und Design, das dieses fernöstliche Land hervorgebracht hat.

Verlinkt: Du für Dich, Sew La La, Creative Lovers, #12ausdemstoffregal

6 Gedanken zu „Blaue Stunde“

  1. Ich lese Deinen Blog schon länger und muss einfach mal ein Kompliment loswerden. Ich finde es total toll, wie viel Mühe Du Dir immer mit Deinen Outfits gibst. Jedes neue Teil wird nicht einfach nur abgelichtet, sondern mit allen passenden Kleidungsstücken kombiniert und so immer wieder in anderer Szene und mit anderer Wirkung präsentiert. Das ist tatsächlich ein ziemliches Alleinstellungsmerkmal, was ich sehr bei Dir schätze. Danke dafür!

  2. Die Jacke ist toll und das letzte Outfit finde ich auch top. Aber ganz besonders gefallen mir Dein Schal und die Pulswärmer, wirklich wunderschön! Hattest auf sie schon mal auf dem Blog gezeigt?
    Liebe Grüße, Laura

    1. Ich war mir nicht sicher, ob ich über das Thema überhaupt schreiben soll und freu mich, dass man in der Näh-Community eigentlich immer respektvolle Kommentare bekommt. Danke dafür!

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