Aus der Flickschusterei

Ich werde in letzter Zeit immer mal wieder von Bekannten gefragt, die mich nicht oft sehen, aber meine Social Media Präsenz wahrnehmen – ob ich jetzt eigentlich hauptberuflich Kleidung nähe. 

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Nee, das würde ich tatsächlich auch nicht wollen, bzw. möchte ich nicht davon leben müssen, bei den Preisen, die für Kleidung so als „normal“ gelten. Mein Hauptberuf als freiberufliche Grafikerin gibt mir mal mehr und mal weniger Freiraum für meine Nähprojekte. In den letzen Wochen war zum Beispiel Zeit ein knappes Gut. „Aus der Flickschusterei“ weiterlesen

Marinière oder Breton Pullover

Das hat ganz gut geklappt mit meinem Timing. Der über den Sommer gestrickte Streifenpulli ist fertig und so langsam landen wir im Temperaturbereich, in dem man auch mal einen Pullover gebrauchen kann. Ich hatte mir bei der Passformwahl überlegt, dass ich diesen Pullover gern als Ergänzung zu meiner Sommergarderobe tragen möchte, z.B. zum abends drüber ziehen, wenn es kühler wird. Was ja dieses Jahr nicht nötig war, aber ob das jetzt für immer so bleiben wird glaube ich trotz Klimaerwärmung noch nicht ganz. 

Deshalb habe ich mich für ein Modell mit Dolman Sleeves bzw. Fledermausärmeln entschieden, damit meine Blusen und Tops noch gut und locker darunter passen. Bei meinen Volant Tops ist mir nämlich aufgefallen, dass enge Jackenärmel z.B. gar nicht darüber gehen, ohne den Volant nachhaltig zu zerknittern. 

Nach langem Suchen nach einem passenden Modell habe ich mich letztlich entschlossen, ein Strickmuster zu kaufen, nämlich „Robin“ von Josée Paquin.    
Das Original ist vorne kürzer als hinten (mag ich nicht, schon gar nicht bei Streifenmuster) und die Streifenverteilung ist anders. Aber ich wollte ja schon, dass mein Pulli wie ein traditioneller Matrosenpulli aussieht. Und wenn ich auch nicht die notwendigen 21 Streifen, die die französische Marine vorschreibt, geschafft habe (da mir der Pulli sonst zu lang wäre) – die Streifenmaße habe ich vorbildlich eingehalten: 10 mm sind die blauen und 20 mm die weißen Streifen breit. 

Ich fand die Strickweise sehr interessant, es ist nämlich ein sogenannter „RVO“ – Raglan von oben. Man muss bei dieser Technik die Teile nicht zusammennähen, es wird alles an einem Stück in Runden gestrickt und man fängt am Halsausschnitt an, nimmt dann mit Umschlägen an den Raglan-„Nähten“ zu. Auf Achselhöhe werden die Maschen für die Ärmel stillgelegt und man strickt zuerst Vorder- und Rückteil in Runden. Dann nacheinander die Ärmel. Da man beim Streifen zusammennähen so höllisch aufpassen muss, dass es keinen Versatz gibt, hab ich mir gedacht, das wird wohl so das Beste sein. Die Anleitung war wieder mal auf englisch, diesmal habe ich mich aber tapfer durchgekämpft. Mir Maschenzähler besorgt und während der Arbeit ca. 3 davon verloren. Ist das normal?

Das Tolle an der RVO Technik ist, dass man den Pulli am Stück schon anprobieren kann, um die Gesamtlänge sowie die Ärmellänge genau passend zu ermitteln.
Ich wollte den Pulli nicht zu oversized haben und da meine Maschenprobe kleiner ausfiel als die in der Anleitung, eine M gestrickt, um eine S rauszubekommen. Ich denke es hat geklappt. Obwohl ich den Brustbereich schon echt sehr weit finde, weiter hätte es auch nicht mehr werden dürfen. Aber der Plan ist aufgegangen: die Volant-Blusen passen 1a drunter.

Noch kurz zur Wolle: das ist 100% Baumwolle von Stoff und Stil. Sogenannte 8/4 Cotton. Ich hatte absolut keine Ahnung was diese Zahlen bedeuten, hab das nur schon bei verschiedenen Herstellern gesehen. Google befragt, bin ich nun schlauer. Für euch übersetzt: die erste Zahl gibt die Lauflänge eines Pfunds Baumwolle  an, die in Einheiten von 840 Yard gezählt wird. 8 (= 8 Einheiten) bedeutet eine Lauflänge von 8 x 840 = 6720 Yard auf ein Pound (450 g) Wolle. Die zweite Zahl gibt die Anzahl der Fäden an aus dem die Wolle besteht – bei 4 ist es 4fädig. Die 4 Fäden zusammenhängend wären 6720 Yard, entsprechend muss man es durch 4 teilen. Ist alles ein bißchen kompliziert mit dem Umrechnen der amerikanischen Maßeinheiten. Aber meine Rechnung hat ergeben, dass 450 g demnach 6720:4 Yard Faden enthalten. Das sind 1536 Meter. Und auf ein Knäuel mit 50 g umgerechnet, müssten 170,66 Meter sein. Stoff und Stil gibt die Lauflänge mit 170 m an, da hab ich dann wohl richtig gerechnet. 
 

Viel mehr kann ich jetzt auch gar nicht mehr sagen, so ein Teil ist schließlich ein Modeklassiker. In Frankreich hat angeblich jeder einen Marinière im Schrank. Ich jetzt auch. Tres belle – et les rayures vont toujours! Das nächste Strickprojekt ist schon in Planung, das wird ein etwas extravaganterer Strickmantel. Stay tuned. 

Meine Kombipartner: Maß-Jeans und mintfarbene Skinny-Jeans nach eigenen Schnittmustern. Volant-Top von Oh Mother Mine DIY. 

Zum Schluss schreib ich mal wieder was zum „2018 DIY Don´t Buy“ Thema. Die Frage des Monats lautete „Wie hat sich dein Kleiderschrank seit Anfang des Jahres verändert?“ Gute Frage. Meiner hat sich tatsächlich dahingehend verändert, dass ich fast ausschließlich meine selbstgemachten Sachen trage. Da ich inzwischen so viele Teile hergestellt habe, die fantastisch kombinierbar sind (siehe meinen Beitrag Capsule Wardrobe oder MeMadeMay), freue ich mich jeden Tag über die tollen Outfits die ich damit zusammenstellen kann. Das Resultat ist, ich müsste mal ausmisten bei den anderen Sachen, denen die ich in den vergangenen Jahren Second Hand gekauft habe. Ein paar Teile sind noch in regelmäßiger Nutzung, aber ich gebe zu, dass ich inzwischen z.B. keine Polyesterfasern mehr tragen möchte und mich grundsätzlich in selbst hergestellter Mode wesentlich wohler fühle. Denn außer dass die Kleidungsstücke eine hohe Qualität und  bestmögliche Passform haben, erfüllen sie mich auch mit Stolz. Und es steckt viel Liebe darin. Und das fühlt sich einfach gut an. 

Meine links gehen zu: Du für Dich, Auf den Nadeln, 2018DIYDontBuy

Upcycling Stories #3 – Top aus alter Bluse und Stoffresten

Oha, Anfang des Jahres hatte ich große Pläne – aber meine Upcycling Stories haben tatsächlich schon seit Februar kein Update mehr bekommen. Ein Denim Taschen-Ufo wartet schon seit Monaten auf seine Vollendung und die Re-Fashioners Challenge 2018 steht vor der Tür. Ich muss mal schauen, ob mir zum diesjährigen Thema was einfällt, denn es ist kein Ausgangsmaterial vorgegeben, wie letztes Jahr der „Suit“ sondern man wird aufgefordert sich ein Outfit zu suchen von dem man besonders inspiriert ist – z.B. vom Laufsteg, roten Teppich oder aus einem Film. Die Aufgabe ist dann, sich dieses Outfit aus alter Kleidung zu kreieren – das Motto 2018 lautet „Inspired By“. Bevor im Oktober der Wettbewerb für alle eröffnet wird, stellen im September ausgewählte Blogger aus aller Welt ihre Interpretationen vor, eine davon ist die Wahlberlinerin Damar Rivillo, eine sehr kreative Upcycling Expertin, der ich auf Instagram schon länger bewundernd folge. Vor allem ihre stop-motion Verwandlungsanimationen sind sensationell. 

Damar hat letzte Woche ganz kurfristig zu einer 3-Tages Upcycling Challenge aufgerufen und dafür den Teilnehmern das Schnittmuster ihres megaschönen #NipaTop zur Verfügung gestellt. Ich hatte tatsächlich eigentlich überhaupt keine Zeit und ganz andere Pläne (nämlich die Babykollektion für meine letzten Dienstag geborene Nichte fertig stellen). Aber ich konnte nicht anders, als die Challenge dazwischen zu schieben und eine Nachtschicht dafür einzulegen. Ich finde dieses Top mit den zauberhaften Patchwork Ärmeln einfach zu schön.

Als erster Teil der Challenge sollten 3 mögliche Optionen gefunden werden, aus denen man das Top nähen könnte. Es mussten 3 verschiedene Stoffe sein, nur die Materialdicke in etwa ähnlich. Von Monochrom bis wild gemustert – alles erlaubt. Außer dehnbare Jerseystoffe. Weil man damit erstens nicht gut patchworken kann und zweitens der Schnitt für Webware ausgelegt ist, mit Abnähern im Vorderteil und eingehaltenen Ärmeln. Und natürlich soll das Ausgangsmaterial aus alten Klamotten oder Stoffresten sein – sonst wär es ja kein Upcycling. Tja, das meiste aussortierte Zeug bei mir ist aus Jersey, so wahnsinnig viel war da nicht zu holen. Aber dann fiel mir doch noch eine Pünktchenbluse in die Hände (einst ein Second-Hand Kauf), die mir einen Ticken eng war und bei der immer die Mini-Knöpfe von alleine aufgegangen sind und unfreiwillige Einblicke geboten haben (ja, das ist peinlich). Und einige schon ca 15 Jahre alte Sommerhosen aus Leinen von H&M sind noch aufgetaucht. Und Stoffreste. Jede. Menge. Stoffreste. 

Option 1: Pünktchenbluse aus Polyester, Viskose vom Shorts Unfall, noch ein Viskoserest mit Muster 
Option 2: Weiße Leinenhose, Spitzenborte (von einer Tischdecke gerettet), Netzstoff (aus Ikea Kissen)
Option 3: Braune Leinenhose, Satinreste in Mint und Kupfer

Ich fand alle drei super, aber hab mich für die erste Option entschieden. Damar hatte einen praktischen Arbeitsbogen vorbereitet, auf dem man dann die Aufteilung der Stoffe einzeichnen und sich beim Zuschnitt entsprechend orientieren konnte. Mein Pünktchenstoff war zu knapp, die Bluse wie gesagt eng und ich habe zum einen über die Seitennähte hinaus zugeschnitten (und jetzt 2 Seitennähte im Top) und musste oben ein Stück schwarzen Stoff ansetzen. Und ehrlich – ich habe nichts ausgemessen! Dass die Kante der Blende hinten nachher exakt mit dem Ärmelstreifen zusammenpasste, war Zufall. Ein sehr glücklicher, zugegeben. 

Ich bin so verliebt in die Rückseite des Tops, ich hab mich kurz geärgert, dass ich dieses Muster nicht für die Vorderseite genommen habe. Aber nach dem Fotoshooting mit verschiedenen Kombis bin ich damit komplett zufrieden wie es ist. Am besten gefällt mir das Top mit schwarzem Unterteil, aber auch Jeans geht (klar, immer). 

In den Kommentaren von meiner verunglückten Shorts von letzter Woche bekam ich den Tip, die Shorts mit einem Oberteil aus dem gleichen Stoff anzuziehen. Ich habs ausprobiert mit dem Nipatop und fand die Optik tatsächlich auch gar nicht verkehrt. Wenn ich den Bund einmal nach unten umgeschlagen habe, sogar echt vielversprechend. Außerdem konnte ich nicht mit gutem Gewissen einen  Blogbeitrag zum Thema Upcycling machen und die gerade erst neu genähte Hose in die Tonne schmeißen (hätte ich ja nicht gemacht, aber eine Schrankleiche wärs geworden).

Also war klar, die Shorts brauchte den Nahtauftrenner. So schwer war es dann gar nicht – nur den Bund einmal abtrennen, ca 5 cm von der Hose abschneiden und neue Bundfalten abnähen. Ich habe diesmal statt einer großen 3 kleine gemacht pro Seite. Inspiriert von der Julika Shorts, bei der das so schön aussieht. Dann den Bund wieder dran. Und tadaaaaa:

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich diese Hose tragen werde, ist enorm gestiegen! Mit einem Vorher-Nachher Foto verabschiede ich mich nun und wünsche allen einen schönen Sonntag! 

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